Alb-Bote online 15.05.2010
http://www.swp.de/muensingen/lokales/alb/art5707,483114
Energie für leere Kühlschränke
Bernloch. Gut 60 Besucher hatten sich dieser Tage in Bernloch versammelt, um auf Initiative des SPD-Ortsvereins Sonnenalb mit fünf Referenten über Zukunftsperspektiven der Landwirte auf der Alb zu diskutieren.
Der Moderator Klaus Käppeler, SPD-Landtagskandidat und Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Zwiefalten-Hayingen, gab eine kurze Zusammenfassung über den Stand der Dinge und stellte die Diskussionsfragen in den Raum: Jährlich schrumpft die Zahl der aktiven Landwirte um drei Prozent. Mittlerweile werden zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche für die Erzeugung von Biomasse für Biogasanlagen verwendet.
Liegt die Zukunft der Landwirte in der Produktion von Nahrungsmitteln oder in der Erzeugung von Energie? Hat die Landwirtschaft auf der Alb überhaupt eine Chance im großen Kampf der Erzeuger? Was passiert mit der Kulturlandschaft, wenn die Landwirtschaft zu Grunde geht? Kann sich die EU Landwirtschaft überhaupt noch leisten?
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Gerster aus Biberach beschrieb die schwierige europäische Finanzsituation und unterstrich, dass er die Zukunft der Landwirtschaft im Bekenntnis zu "Biobutter und Biogas" sehe.
Die Landwirte auf der Alb sollten nicht ausschließlich zu Energiewirten werden, sondern weiter die Ernährung sichern. Jedoch mit dem Augenmerk auf Qualität, Ökologie und Tradition, denn im Wettbewerb um "billig und schnell" habe die Landwirtschaft auf der Alb keine Chance. Der SPD-Landtagsabgeordnete Fritz Buschle aus Tuttlingen sprach sich dafür aus, die Finanzkrise als Chance zu erkennen. Mit einer gemeinsamen Linie hätten die Verbände jetzt die Möglichkeit, bei den Verbrauchern und in Europa für ihre regionale Landwirtschaft geschlossen zu werben.
Werner Hack, stellvertretender Leiter des Landwirtschaftsamtes Münsingen, beleuchtete die konträre Entwicklung von Milchmarkt und Biogaserzeugung in der Region. Die Marktentwicklung im Milchsektor würde für den Landwirt zunehmend unkalkulierbar. Die Anzahl der Milchkühe in der Region sei in den vergangenen zehn Jahren um 3000 zurückgegangen. Somit müsse das frei werdende Grünland anders genutzt werden. Der Maisanbau hingegen habe sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht und belege heute 15 Prozent der Ackerfläche. Der Trend gehe demnach eindeutig in Richtung "Biogas statt Billigbutter", der Aspekt der Wirtschaftlichkeit stehe bei der Entscheidung der Landwirte dabei verständlicherweise an erster Stelle.
Jedoch warb Hack für eine an den Standort angepasste Auswahl der Energiepflanzen, um das Grundwasser weniger zu belasten. Zudem müsse das Problem der Energieverluste durch die ungenutzte Abgabe der anfallenden Wärme bei der Biogaserzeugung gelöst werden. Doch mit einem schlüssigen Wärmekonzept und dem nötigen Augenmaß bei den Genehmigungsverfahren sieht Hack in der Biogastechnologie die Technologie der Zukunft.
Gottfried May-Stürmer, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) aus Heilbronn, sieht in der Biogasgewinnung aus Mais eine Fehlentwicklung. Jede Form der Intensivierung schade dem Artenschutz. Gleichgültig ob bei der Gewinnung von Kraftfutter für Milchkühe oder bei der Erzeugung von Energiepflanzen für Biogasanlagen. May-Stürmer regte an, Fördergelder an die Bauern zu bezahlen, die mit ihrer Arbeit der Gesellschaft dienen. Der BUND-Geschäftsführer nannte als belohnenswerte Leistungen den Erhalt der Artenvielfalt, den Gewässerschutz und die Produktion von erneuerbarer Energie. Milch solle aus Grünlandfutter entstehen, erneuerbare Energie aus Grünland-Biogas und Photovoltaik.
Den Abschluss in der Runde der Referenten machte der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Reutlingen, Gebhard Aierstock. Das Problem der Bauern sei allgemein die Lebensmittelproduktion, nicht nur der Milchpreis, betonte Aierstock. Die Preise stimmten nicht mehr, der Landwirt habe im Durchschnitt ein Bruttoeinkommen von 19 200 Euro im Jahr, nach Abzug aller Verbindlichkeiten blieben dabei unter dem Strich gerade mal jährlich 1000 Euro für die Kapitalbildung übrig. Die Zukunft der Bauern sei nicht mehr kalkulierbar, obwohl gerade die Bauern einen für die Gesellschaft elementaren Bereich sichern würden: die Versorgung mit Lebensmitteln.
Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes sieht für die Bauern auf der Alb nur dann eine Zukunft, wenn sich die Marktkultur ändere. Die Landwirtschaft hier müsse sich auf ihre Regionalität besinnen, eigene Wertschöpfungsketten bilden, innerhalb derer jeder Beteiligte davon leben könne. Wenn aus Landwirten in Zukunft reine Energiewirte würden, säßen wir bald um einen leeren Tisch. Jedoch könnten wir uns noch an dem Licht aus selbst erzeugtem Ökostrom erfreuen, zog Aierstock als Fazit aus seinen Ausführungen.
Soll der Landwirt Energie in Form von Biogas erzeugen oder die Menschen mit Lebensmitteln versorgen? In Bernloch diskutierten Gottfried May-Stürmer, Gebhard Aierstock, Klaus Käppeler, Werner Hack, Fritz Buschle und Martin Gerster (von links) über die Zukunftsperspektiven für Landwirte auf der Alb. Foto: Katrin Reichenecker
Quelle: Alb Bote vom 15.05.2010 - Der Artikel wurde so original übernommen !